Von Tongatapu über die Ha'apai Inselgruppe nach Neiafu in die Vava'u Inselgruppe von Tonga
Wir sind am Dienstag, den 12.06., früh im ersten Büchsenlicht aus der Ha'apai-Gruppe in der Vava'u-Gruppe angekommen und haben noch am Vormittag hier in Neiafu einklariert. Danach ging es natürlich fast als Erstes ins Internet, welches hier sehr, sehr langsam und relativ teuer ist. Wir haben alle unsere Mails auf unseren Memorystick geladen und können sie nun in Ruhe auf dem Schiff beantworten. Dann geht es wieder mit dem Stick ins Internet. Dort wird auch dieser Bericht vom Stick zu Alwin jun. nach Wernsdorf geschickt, der ihn dann für Euch alle hoffentlich bald auf unsere Homepage stellt.
Aber nun der Reihe nach:
Wir sind am Freitag, den 25.05. von Tongatapu weg nach Pangaimotu gesegelt und hatten seitdem keinen Internetzugang mehr. Pangaimotu ist eine kleine Insel nur 1 Meile gegenüber Tongatapu mit einem kleinen Resort. Dort ankerten mit uns noch ca. 8 weitere Yachten, von denen wir schon einige im Minerva-Riff, in Tongatapu bzw. in Neuseeland getroffen hatten. Alle waren innerhalb einer Ralley von Neuseeland nach Tonga gesegelt und hatten gemeinsam sehr viel Spaß. Insgesamt nahmen an der Ralley ca. 20 Segelyachten und eine große Motoryacht teil. Am Sonnabend nutzten wir eine kurze, regenfreie Zeit für einen Spaziergang um die Insel, das dauerte ca. 50 Minuten. Danach trafen wir uns zur Happy-Hour mit anderen Seglern an der Bar des Resorts und genossen einen dieser traumhaften Sonnenuntergänge der Südsee, die für alle Strapazen entschädigen. In der Nacht begann ein sehr beständiger Dauerregen, und unser rechtzeitig aufgespannter Regencatcher tat ganze Arbeit. Im Verlaufe des verregneten Sonntags waren unsere Wassertanks wieder voll und liefen über. Bestes Regenwasser für die nächsten Wochen. Am Montag hörte der Regen auf, und wir segelten bei leichtem, achterlichem Wind zur kleinen Insel Malinoa. Wir ankerten neben der Insel auf ca. 7m, machten unser Dingi klar und umliefen sie in ca. 20 min. Hier gibt es Sandstrand pur, absolute Menschenleere und Stille, viel Muscheln und ein schönes Riff zum Schnorcheln. Es war unser erstes Schnorcheln in dieser Saison. Wir ließen es vom Strand aus ruhig angehen und sahen die ersten bunten Rifffische. Ohne Anzug wurde es aber selbst bei ca. 26 Grad Wassertemperatur nach einer halben Stunde etwas kühl, und wir fuhren mit einem neuen Vorrat an Muscheln zurück zum Schiff.
Wir waren insgesamt über 2 Wochen in der Ha’apai Gruppe von Tonga. Die meisten Inseln sind unbewohnt und haben gute geschützte Ankerplätze, wenn sie manchmal auch etwas rollig sind. In der ersten Woche war meist schlechtes Wetter, immer bewölkt, kein Sonnenschein und auch etwas Regen. Aber immer warm und zuviel Wind, der bereits auf den Törn von Malinoa nach Kelefesia so stark wehte, daß die Fahrt sehr unbequem war. Deshalb haben wir uns für einige Tage hinter Kelefesia-Island versteckt, eine wunderschöne Urwaldinsel mit zwei Bergen und nur einem Fischercamp. Von den Fischern kamen wir einen schönen Rifffisch geschenkt aus Mitleid, weil wir selbst nichts gefangen hatten. Dafür haben wir im Busch unseren Lemon- und Kokosnußbestand wieder aufstocken können. Wir essen und kochen viel mit Kokosnuß, machen unsere eigene Coconutcream und trinken auch gern das Wasser. Inzwischen erkenne ich die verschiedenen Reifestadien und kann auch gut mit ihnen umgehen. Wir haben 2 Machete n an Bord, eine scharfe und eine stumpfe. Beide zu verschiedenen Zwecken wichtig. Nach einigen Tagen haben wir uns bei viel Wind nach Nomuka-Iki-Island verholt und auf dem Törn einen schönen Yellowfin-Tuna von ca. 4 Kilo mit der Schleppleine gefangen. Das war bereits unser zweiter Yellowfin in dieser Saison. Allein die Filets haben 2 Kilo gewogen. Wir hatten eine Mahlzeit frisch gebratenen Thunfisch mit selbst gemachten Sauerkraut und Kartoffeln, ein Thunfischcurry mit Reis, zwei Mahlzeiten Kokoda (roher Fisch wird in Lemonjuice gar gezogen und danach in Kokoscreme angerichtet) sowie zwei Mahlzeiten sauer eingelegten Bratfisch mit Zwiebeln, Bratkartoffeln und gebratener Brotfrucht. Die Brotfrucht lassen wir uns meist schenken bzw. holen sie uns selbst aus dem Busch vom Baum. Die Bäume stehen hier überall herum. Den Kopf und die Gräten vom Fisch habe ich ausgekocht und von dem ausgelösten Fleisch und dem Fond zwei Tupperdosen voll Fisch in Aspik gemacht. Der Fischfond ergibt eine n natürlichen Aspik ohne jegliche Gelantine. Die ganze Sache wird mit Essig und Zucker schön pikant süßsauer abgeschmeckt. So verwerten wir immer den ganzen Fisch und haben davon über eine Woche gegessen und somit wieder sehr billig gelebt. Doris hofft immer noch auf ein paar kleinere Fische in Heringsgröße, weil sie großen Appetit auf Rollmops hat. Die sind aber mit der Schleppleine nicht zu haben. Da gehen nur größere Fische ran, die auch schnell genug sind. Schließlich segeln wir meist zwischen 4 und 8 Knoten. Unser größter Fisch in der letzten Saison auf NEVERLAND war ein Wahoo von ca. 15 Kg. Davon haben wir bzw. später ich allein über 5 Wochen gegessen, als Doris bereits wieder in Deutschland war. Ab Nomuka-Iki hatten wir nur noch schönes Wetter und damit war jeder kurze Törn von Insel zu Insel immer herrliches Segeln. Das hatten wir auch bitter nötig. Wir wussten ja kaum noch, dass Segeln auch Spaß machen kann. Auf dem West-Anchorage von Ha’afeva Island lag die BETONIA, ein Ferrozementschiff (Beton), mit Silvia und Rolf aus der Schweiz, die wir bereits seit Tongatapu kennen. Sie hatten hier schon Kontakt mit Peter, einem drolligen, jungen Local aus dem Village, geknüpft und ihn an uns weiter gereicht. Am nächsten Tag liefen wir barfuß am Strand entlang zur anderen Seite der Insel ins Dorf, um unsere Vorräte aufzustocken. Das Dorf fanden wir eingezäunt und mit Gattern an den Wegzugängen versehen, damit die frei lebenden Schweine, Ziegen und Hunde nicht im Busch und in den Plantagen rund ums Dorf alles zerwühlen und zerstören. Das ist zuerst etwas ungewohnt, aber dann einleuchtend. Im Dorf mussten wir uns von den Locals die zwei „Shops“ zeigen lassen, weil diese von außen nicht als solche zu erkennen sind. Ist halt Tonga! Trotzdem bekamen wir ein paar Zwiebeln, homogenisierte Milch aus Neuseeland, Milchpulver, 2 Kg Mehl und 2,5 Kg gefrorene Huhnteile zu kaufen. Das Huhn, auf Tongan Moa genannt, kostete hier am Ende der Welt 4,80 Tongan Pa’anga pro Kilo. Das sind umgerechnet etwas weniger als 2,00 Euro. Für insgesamt ca. 12 Euro waren unsere Taschen voll und schwer, das war unser einziger Einkauf in den 2 Wochen Ha’apai. Auf der „Mainroad“ ging es dann wieder quer durch den Busch zurück zum Jetty und damit zum Schiff. Unterwegs sammelten wir noch eine große Brotfrucht und einige reife Kokosnüsse. An Bord angekommen, waren wir fix und fertig, nicht nur wegen der Hitze. Trotzdem mussten wir gleich wieder zurück in den Busch, weil Peter uns unbedingt seine Bananen und Papayas zeigen wollte. Also gingen wir nochmals mit ihm in sein Dorf. Er zeigte uns seine Hütte, seine Familie, seine Plantage und die halbe Insel. Wir tauschten Bananen, Papayas, eine so groß wie ein Rugbyball, Lauchzwiebeln und Chillies, insgesamt soviel, wie wir Drei tragen konnten, gegen eine Schachtel Zigaretten und ein Video in englischer Sprache, welches wir mit dem Schiff übernommen hatten. So waren beide Parteien glücklich, und wir hatten einen weiteren Einblick in das Leben der Tonganer auf den abgelegenen Inseln bekommen. Peter kam noch mit zu uns auf´s Schiff auf ein, zwei Tassen Kaffee mit unendlich viel Zucker, den alle Polynesier übermäßig zu lieben scheinen. Bis zu drei gehäufte Löffel pro Tasse sind normal, es können auch mal 4-5 sein. Danach schwammen wir gemeinsam um unser Schiff herum und erholten uns von dem anstrengenden Tag. Am nächsten Tag war Arbeit angesagt. Auf einem Schiff gibt es immer etwas zu tun bzw. zu reparieren. Doris nahm sich unseren von uns selbst neu gebauten Salontisch vor. Er hatte bisher nur einen dünnen Lackanstrich erhalten. Sie schliff den Tisch mit feinem Sandpapier an und verpasste ihm den zweiten Anstrich. Außerdem strich sie die Holzwand hinter den Polstern rund um den Tisch mit frischer, weißer Farbe. Ich selbst nahm mir Taucherbrille, Schnorchel und Bürste und nutze das warme, ruhige Wasser der Bucht, um die gesamte Backbordseite von KIWI KIWI von Bewuchs und Algen zu befreien. Außerdem gab ich unseren Ruderriemen vom Dingi einen fälligen, neuen Lackanstrich. Auch solche Tage machen glücklich, wenn man sieht, dass etwas geschafft ist. Den späten Nachmittag und Abend verbrachten wir bei Silvia und Rolf auf der BETONIA bei Popcorn und Bier mit Sicht auf einem paradiesischen Sonnenuntergang genau neben den beiden spektakulären Vulkaninseln Tofua und Kao. Schade, daß die Spitzen der Vulkane im Dunst verborgen lagen, aber es war trotzdem ein sagenhaftes Farbenspiel. Während unser Zeit in der Nähe der Vulkane, unser kürzester Abstand betrug weniger als 20 sm, zeigten beide leider keinerlei Aktivitäten. Hier in unmittelbarer Nähe der Vulkane hatte sich damals die Meuterei auf der Bounty abgespielt. Am Freitag, den 8.6., ging es bei bestem Segelwetter Anker auf Richtung Norden. Die Zeit drängte langsam. Wir haben nur ein Visa für einen Monat für Tonga und noch viele Inseln liegen vor uns. Der Wind, der in den letzten Tagen immer aus Ost blies, hatte auf Südost gedreht und ließ damit einen Kurs von 80 Grad direkt auf die Lifuka-Passage zu. Also wieder entspanntes Segeln nur unter Rollfock zur nächsten Insel Uoleva, welche bereits im Barrier-Riff der Lifuka-Gruppe liegt. Nach ca. 19 sm fiel unser Anker ins kristallklare Wasser der Bucht. Wir verließen um ca. 15.00 Uhr das Schiff in Richtung Strand und wollten vor dem Dunkelwerden zurück sein. Was bedeutete, kein Licht am Schiff und keine Taschenlampe im Dingi. Wie so oft, kommt alles anders. Wir treffen zuerst auf einige Segler der Ralley, die am Strand gerade ein großes BBQ vorbereiten, und sehen uns danach die zwei Resorts der sonst unbewohnten Insel an. Ein Resort liegt verlassen wie nach einem Bombenangriff, das andere ist für Tonga Verhältnisse einfach, aber topp gepflegt, jedoch ohne einen einzigen Gast. Wir gehen auf die Hütten zu und lernen den Resortbetreiber Soni und dessen Frau kennen, beide Tongan u m die 60. Wir werden sofort zum Kaffee in ihre Hütte eingeladen und sind über das gute Englisch von Soni überrascht. Er betreibt das Captain Cook Resort schon 20 Jahren lang und hat alle Fale (Hütten) selbst gebaut. Nach den Unruhen in Nuko’alofa im letzten November bleiben im gesamten Königreich Tonga die Touristen weg. Außerdem hat er wohl auch die Werbung etwas vernachlässigt. Wir erfahren viel über die Inseln und das Leben in Tonga, und schon ist es stockfinster geworden, als wir die Beiden mit einer Einladung zum Dinner für den nächsten Tag verlassen. Leider konnten wir die Einladung nicht annehmen, weil wir weiter segeln müssen. Am Strand ist inzwischen das BBQ an einem großen Lagerfeuer und mit Gitarre und Gesang voll im Gange. Wir gesellen uns für eine Weile hinzu und verabreden, am nächsten Tag gemeinsam mit dem Dingi zum Markt nach Lifuka zu fahren. Inzwischen ist es stockfinster, vom Dingi etwas weiter den Strand entlang und KIWI KIWI ist nichts zu sehen. Der Himmel ist etwas bewölkt, der Mond geht erst in ein paar Stunden auf. Es ist Niedrigwasser, und damit der Strand sehr breit. Nach einer Weile finden wir unser Dingi, welches noch immer an einer Palme festgebunden auf uns wartet. Wir ziehen es über den inzwischen sehr breiten Strand ins extrem flache Wasser. Aber vom Schiff ist in der Dunkelheit absolut nicht auszumachen. Zuerst müssen wir paddeln, weil es für den Außenborder zu flach ist. Leider können wir nicht sehen, wann es tiefer wird, und paddeln etwas weiter in die Bucht hinaus, um die Schraube nicht an den Korallen zu beschädigen. Erst vor einigen Tagen ist uns im flachen Wasser der Scherstift abgebrochen. Seitdem tut ein abgeschnittener Nagel seinen Dienst. Vom Schiff ist immer noch nichts zu sehen. Es muß irgendwo hier draußen in der Bucht sein, aber man sieht die Hand vor Augen nicht. In sicherer Entfernung vom Ufer starte ich den Motor, und eine Irrfahrt auf der Suche nach unserem Zuhause beginnt. Schließlich wollen wir nicht am Strand unter den Palmen übernachten. Ich nehme eine Peilung, weil gerade das Kreuz des Südens über den Palmen steht, und so geht es kreuz und quer durch die Bucht. Eine weitere Orientierung geben die Lichter der anderen Yachten und die Venus, die zur Zeit sehr stark leuchtet. Plötzlich sehen wir KIWI KIWI direkt vor unseren Augen in nur ca. 20 m Entfernu ng, also etwas mehr als eine Schiffslänge. Wir sind froh und entern unser Schiff. Wir schwören uns, das nächste Mal das Licht schon am Nachmittag anzumachen, falls wir das Schiff verlassen sollten, und eine Lampe mitzunehmen. Am nächsten Morgen kommt zum ersten Mal unser großer Außenbordmotor zum Einsatz. Lifuka liegt ca. 5 sm entfernt, das wäre etwas zuviel für den kleinen 2 PS Motor. Mit 15 PS kommen wir schnell ins Gleiten und eine raue Fahrt durch die seichten Gewässer beginnt. Insgesamt sind 5 Dingis auf dem Weg nach Lifuka. Manchen soll ja so ein Dingiritt Spaß machen, aber wir sind froh, als wir im kleinen Hafen sicher ankommen. Auf dem Markt gibt es nichts zu kaufen, was wir benötigen, keine Tomaten, keine Gurken, der Weißkohl ist nicht mehr ansehnlich, und Bananen, Kokosnüsse und Papayas haben wir selbst genug. Ein Rundgang in Lifuka bringt uns auch nicht weiter. Der Ort bietet nichts Interessantes. Da sind die kleinen Inseln doch sehenswerter. Trotzdem genießen wir noch einige Eindrücke in der Wharf am Jetty, wo gerade eine Innerisland-Fähre angekommen ist, und sich die Locals auf die kleine Boote zu den einzelnen Inseln der Gruppe verteilen. Wir sehen ein reges Treiben, Lachen, viele dicke Tongan Frauen in schwarzen Kleidern und mit Regenschirmen zum Schutz gegen die Sonne. In der „Wartehalle“ stoßen wir auf einen Mann mit seinem Sohn, vor dem eine große Suppenschildkröte auf dem Rücken liegt. Das Tier ist erschöpft von der Hitze und schaut sehr traurig drein. Eine Frage bestätigt meine Vermutung: die Schildkröte ist tatsächlich zum Verzehr gedacht und wird demnächst im Kochtopf dieser Tongan Familie landen. Der Mann erzählt uns, dass das Fleisch für ihn eine Delikatesse ist. Wie so oft, halten wir uns dann mit unseren Gedanken und Kommentaren zurück. Wir sind nicht hier, um über die Eßgewohnheiten der meist sehr armen und einfach lebenden Einheimischen zu richten. Ich mache zwei letzte Fotos von der traurigen Schildkröte, und wir rasen im Gleitflug über die Lagune zurück nach Uoleva zu unserem Schiff. Dort angekommen, ziehen wir unsere Tauchanzüge an, bewaffnen uns mit unserer Schnorchelausrüstung und fahren zum Außenriff. Hier erleben wir bestes Schnorcheln pur. Absolut klare Sicht, atemberaubende Korallen, Anemonen und Fische in allen Farben und Größen. Es sind auch einige größere Riffbarsche dabei, die gut in unsere Pfanne gepasst hätten, aber wir haben noch keine Harpune, und unser Fischspeer liegt auf dem Schiff. So erfreuen wir uns an der schönen Unterwasserwelt, die mit zu unserem Leben gehört, und für deren Erleben Andere viel Geld bezahlen müssen. Wir sind froh, so dicht am Außenriff keinem Hai zu begegnen und genießen die Zeit. Doch selbst mit Anzug hat man nach einer Stunde genug vom Wasser. Wir sammeln noch einige reife Kokosnüsse am Strand und kehren zum Schiff zurück. Es wird Zeit, dass wir Anker auf gehen, um noch vor dem Dunkelwerden auf dem Anchorage vor Ha’ano einzutreffen. Es liegen 14 sm vor uns, es weht kaum Wind und in 3 – 4 Stunden ist es stockfinster. Wir segeln nur unter Rollfock, das Dingi im Schlepp, und kommen in Ha’ano mit dem letzten Licht des Tages an. Leider ist im Wasser das Riff nicht mehr auszumachen. Wir schleichen uns mit GPS und C-Map an den Mushromrock, ein pilzförmig, unterspülter Felsen, heran, der hier den Ankerplatz bestimmt. Doris steht wie immer am Ruder und fährt das Schiff, ich mache vorn den Anker klar. Plötzlich sehe ich 5 m vor uns das Riff, auf das wir mit langsamer Fahrt zusteuern. Ich schreie: „Volle Kraft zurück!“, Doris reagiert sofort, und so bleibt es nur bei einer sehr sanften Berührung, die Doris hinten am Steuerstand überhaupt nicht wahrgenommen hat. Wir fahren an eine sichere Stelle und lassen den Anker in das jetzt absolute schwarze Wasser fallen. Hier ist es ca. 11 m tief. Ob der Anker auf Sand liegt oder sich in den Felsen und Korallen verhakt hat, wird der nächste Tag bringen. Am Vormittag sitzen wir schon zeitig mit Anzügen und Schnorchelausrüstung im Dingi. Wir erkunden und fotografieren den Mushromrock. Dabei werden wir von einem Local an Land gewinkt. Sofort folgen wir der einladenden Geste und lernen Sifa kennen. Sifa, 50 Jahre alt, lebt hier wie Robinson Crusoe und baut auf dem Gelände seiner Vorväter ein Resort. Begeistert zeigt er uns die erste, halbfertige Fale, sein Baumaterial und seine bereits angelegte Plantage. Wieder wird es ein langes Gespräch. Uns wird es in unseren Tauchanzügen dann doch etwas zu warm. Eigentlich wollten wir nach dem Schnorcheln am Abend Anker auf gehen Richtung Vava’u, um die ca. 70 sm in der Nacht abzusegeln. Aber Sifa kennt so viele Geschichten über die Inseln, so dass wir beschließen, seine Einladung zum Besuch seines Dorfes und zum Dinner für den Nachmittag bzw. Abend anzunehmen. Das Schnorcheln rund um den Rock ist wieder exzellent, viele Korallen und Fische. Aber eine Überprüfung unserer Ankerkette mitsamt dem Anker ergibt, dass der Anker sich unter einem flachen Felsblock verhakt hat. Und das in 11 m Tiefe. Selbst, wenn ich bis dorthin noch fast frei tauchen könnte, bekomme ich niemals den Anker ohne Tauchausrüstung unter dem Felsen hervor. Und wir haben keine an Bord. So etwas lässt mich immer schlecht schlafen. Ich sehe vor meinen Augen das bevorstehende Ankermanöver. Diesmal mit Taschenlampe bewaffnet, fahren wir fein angezogen für den Dorfbesuch an Land. Schließlich ist Sonntag, und damit ein heiliger Tag in Tonga, der ganz der Kirche und der Familie gehört. Nichts anderes geht an einem Sonntag in Tonga. Natürlich haben wir wieder das Ankerlicht vergessen. Es ist ja erst zeitiger Nachmittag. Der Dorfbesuch ist sehr interessant. Das Dorf hat ca. 200 Einwohner und vier zum Teil sehr große Kirchen verschiedener Religionen. Die Kirchzeit ist bereits vorbei. Viele Dorfbewohner gehen spazieren oder sitzen in Gruppen im Schatten der Bäume vor dem Haus. Alle sind fein gekleidet. Viele winken und rufen uns ihre Grüße zu. Palangis, das sind weiße Fremde, sind sehr selten hier auf den abgelegenen Inseln. Um uns scharen sich die Kinder. Alle sind überaus freundlich und interessiert. Wir sehen viele verlassene Häuser. Das Dinner abends bei Sifa ist köstlich. Es gibt Ziegenfleisch in Kokosmilch gekocht mit Yams und Taro-Blättern, die ähnlich wie Spinat ebenfalls in Kokosmilch gegart sind. Sifa kocht alles am offenen Lagerfeuer und zeigt uns seine Art der Kokosmilchherstellung, die sich von meiner Art gar nicht so viel unterscheidet. Unser Beitrag sind gekühltes Bier, über das Sifa sich sehr freut, weil Kühlschränke hier eine Seltenheit sind, und drei englische Romane. Er erzählt viel von seinen Vorvätern und die angeblich wahre Geschichte des Untergangs des Segelschiffes „Port of Prince“, Anfang des 19. Jahrhunderts. Das Wrack des Schiffes liegt am Außenriff der Insel vor seinem Dorf. Einer seiner Vorväter war mit als Erster am Schiff nach der Strandung, weiß er zu berichten. Angeblich gab es nur einen Überlebenden, einen 11-jähriger Jungen, der später von Einheimischen nahe Lifuka groß gezogen wurde. Laut Geschichtsschreibung soll das Schiff vor Lifuka überfallen worden sein, wobei alle Erwachsenen bis auf den 11-Jährigen von den „Wilden“ verspeist worden sein sollen. Sifa glaubt, dass diese Geschichte erlogen ist. Wie soll ein brennendes Schiff, ohne Segel und manövrierunfähig und ohne Besatzung die 15 sm gegen Wind und Strömung zum Außenriff gedriftet sein, wo jetzt das Wrack liegt? In Sifas Besitz sind jetzt noch eine Kanone vom Schiff, einige Münzen und Sachen, die seine Vorväter damals geborgen haben. Er will damit in seinem Resort ein kleines Museum einrichten. Natürlich wird es bei solchen Geschichten wieder spät und stockfinster. Wir bekommen von Sifa zum Abschied eine uns bisher unbekannte Frucht namens Indian Apple geschenkt, die wir, wenn sie in einigen Tagen reif ist, geschält essen sollen. Wir laden ihn zum nächsten Tag zum Kaffee zu uns an Bord ein. Wieder ist Niedrigwasser und unser Schiff nicht zu sehen in der Bucht. Dafür ankern jetzt noch eine Motoryacht und ein Wharram-Kat hier. Die Taschenlampe gibt schon nach weniger Metern ihren Saft ab, die Lagune ist zu felsig und zu flach für den Außenborder. Also diesmal Schiffssuche im Dunkeln und mit Paddeln. Nun sind wir schon ein eingespieltes Team. Diesmal finden wir unser Schiff bereits nach kurzer Zeit im Lichtkegel des Ankerlicht der großen Motoryacht. Am nächsten Morgen sehen wir am Wharram-Kat die deutsche Flagge wehen, und er hat, wie wir, Hamburg als Heimathafen. Sie wollen gerade weiter segeln, aber nach ein paar Worten von Bord zu Bord bekommen wir eine Einladung, herüber zu kommen, weil ihr Dingi schon auf dem Vorschiff liegt, bereit zur Abfahrt. So lernen wir Evelyn und Uwe kennen. Uwe betreibt bereits seit 20 Jahren in Neiafu die Firma Vava’u electronic und hat vor, seine Firma zu verkaufen. Das ist natürlich äußerst interessant für uns, sind wir doch immer auf der Suche nach einem Job. Leider drängt die Zeit. Evelyn muß in den nächsten Tagen von Tongatapu wieder zurück nach Deutschland fliegen. Uwe bringt sie mit seinem Kat dorthin und segelt mit seiner Schwester, die dann aus Deutschland angeflogen kommt, wieder zurück nach Neiafu. Wir haben viele Fragen, und vielleicht ist er rechtzeitig zurück, bevor wir absegeln müssen. Evtl. beantragen wir doch noch eine Visumverlängerung für einen Monat. Aber eigentl ich wartet Fiji auf uns, und damit auch Tommy und Nadine vom Diveshop auf Robinson Crusoe-Island und evtl. einige Chartergäste. So verabschieden wir uns, und bald verlässt der Kat unter Segeln die Bucht. Den restlichen Tag verbringen wir in Ruhe auf dem Schiff. Vor uns liegen 70 sm Nachtfahrt. Diese Strecke ist am Tage nicht mit Sicherheit zu schaffen, und ein Ankommen in der Dunkelheit in den Riffen und kleinen unbefeuerten Inseln vor Vava’u kann tödlich sein bzw. das Schiff kosten. Am Nachmittag kommt Sifa mit seinem Kanu an Bord. Unser Dingi ist schon verstaut, ebenfalls der schwere 15-PS Motor. Wir staunen wieder über die Unmengen von Zucker im Kaffee eines Polynesiers. Dann geht es ans Ankermanöver. Sifa will uns helfen und bereitet sich zum Tauchen vor, falls der Anker nicht frei kommt. Die Kette kommt schnell steif, und der Anker rührt sich nicht. Noch bleibt die Möglichkeit, mit etwas Lose in der Kette gegen den Anker zu fahren. Das ist immer etwas gefährlich. Bei 18 Tonnen Schiffsgewicht in Fahrt kann schnell ein Beschlag oder sogar die Kette brechen. Doris macht das sehr gefühlvoll, und nach einem dosierten Ruck ist der Anker frei. Ich höre meinen Stein vom Herzen ins Wasser plumpsen. Nun kann der Nachttörn beginnen, und wir segeln unter Rollfock der untergehenden Sonne entgegen aus der Lagune. Wir haben wenig Wind. Trotzdem kommt unser „eiserner Gustav“, dass ist unsere Windselbststeueranlage am Heck, damit gut zurecht. Es wird schnell dunkel. Nun heißt es nicht zu schnell sein, damit wir nicht zu zeitig ankommen, wenn es noch dunkel ist. Doris übernimmt die erste Wache. Noch sind wir in sicheren Gewässern. Gegen Mitternacht löse ich sie ab. Der Wind ist sehr unbeständig in Stärke und Richtung. Das mag Gustav nicht. Da kann er keinen genauen Kurs halten. Und wir müssen punktgenau vor der schmalen Riffpassage ankommen. Jetzt müsste eigentlich Helmfried, unser elektrischer Autopilot, zum Einsatz kommen. Aber Helmfried ist immer sehr durstig und nuckelt schnell unsere etwas zu kleinen Batterien leer. Unter Motorfahrt ist das kein Problem, aber wir sind ja ein Segelboot. Den Strom brauchen wir für das Navigationslicht, weil wir uns hier in gerade nachts viel befahrenden Gewässern befinden. Jeder will ja im Dunkeln fahren, um sicher im Hellen anzukommen. Also habe ich meine Mühe mit Gustav und muß ihn oft neu einstellen. Dafür ist das Wetter schön, es ist warm und die Wellen sind wirklich gutmütig. Ein schönes Segeln leider ohne Mondlicht. Der Mond geht erst gegen 4 Uhr auf. 25 sm vor Vava’u sehe ich ein Leuchtfeuer direkt voraus. Nicht zu glauben! Ein Leuchtfeuer, dass wirklich leuchtet! Eine Seltenheit in der polynesischen Inselwelt. Dafür nimmt der Wind leicht zu. Wir werden evtl. zu zeitig ankommen. Reffen will ich aber auch nicht. Mit dem ersten Licht erreichen wir die vorgelagerten Inseln. Der GPS zeigt uns ständig unsere Position auf der elektronischen Seekarte auf dem Laptop zwischen den Inseln. Ist schon schön diese Technik. Den Strom gönne ich mir jetzt. An Dösen oder kurzen Schlaf, nur durch unseren Kurzzeitwecker unterbrochen, ist jetzt nicht mehr zu denken. Jeder Fehler kann jetzt das Schiff kosten. Es sind zu viele Inseln und Riffe um uns herum. Wir kommen gut zwischen ihnen durch und stehen bereits kurz nach 7 Uhr vor der Einfahrt zur Blue Lagoon, unserem angepeilten Ankerplatz. Aber es ist noch zu dunkel, die Sonne steht nicht hoch genug. Eine Einfahrt wäre so zeitig viel zu riskant. Doris wacht gerade auf. Wir beschließen direkt nach Neiafu weiter zu segeln. Noch ca. 11 Meilen. Nach 2 Stunden müssen wir den Motor zu Hilfe nehmen, weil in der Einfahrt zum Port of Refuge von Neiafu der Wind fast von vorn kommt. Das ist nicht mehr segelbar. Nun übernimmt Doris das Steuer, und ich bin unten an der Seekarte am Laptop. So fahren wir durch die enge Passage in den Hafen. Vor uns liegt Neiafu. Wir suchen uns einen ruhigen Ankerplatz gegenüber der Stadt, und um ca. 10 Uhr fällt der Anker auf 10 m Tiefe. Angekommen! Nun heißt es Einklarieren, Einkaufen, Internet und alles, was man so erkundet, wenn man aus der Einsamkeit wieder in der Zivilisation landet. Wir werden ca. 10 Tage in Neiafu bzw. in den Gewässern von Vava’u bleiben, einige Dinge erledigen, schöne Ankerplätze auskundschaften, in Höhlen tauchen usw.. Ende nächster Woche läuft unser Visum ab. Dann werden wir auf dem Weg nach Fiji sein.
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